Schuldenberatung für psychisch Erkrankte
Montag, 31 März 2008
„Die Schuldenproblematik ist ein gesellschaftliches Problem, von der heute viele Menschen betroffen sind. Ratenzahlungen, die allgemeine Bereitschaft mehr auszugeben als zu verdienen und die leichte Zugänglichkeit zu Kreditverträgen machen das Thema allgegenwärtig“, erläutert Stefanie Schlüter, Schuldenberaterin im Klinikum Eilbek.


In Hamburg sind über 100 000 Haushalte mit durchschnittlich 37 000 Euro überschuldet. Das heißt, jeder 8. Hamburger hat beträchtliche Schulden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind arbeitslos. Schulden und Krankheit verstärken sich in ihrer Wechselwirkung: Wer krank ist, hat auch ein hohes Schuldenrisiko und wer Schulden hat, droht daran zu erkranken. Besonders betroffen sind psychisch Kranke. In Hamburg werden je 1 000 Einwohner 10 wegen einer psychischen Erkrankung stationär behandelt. Die Schuldnerberatungsstellen in Hamburg haben inzwischen Wartezeiten bis zu einem Jahr und die Berater sind nicht geschult, mit den Bedürfnissen von psychisch Erkrankten, die z.B. ein anderes Lern- und Verständigungstempo haben, umzugehen.

Das Klinikum Eilbek bietet in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie seit 2003 eine Schuldenberatung für Patienten mit psychischer Erkrankung. Das Angebot richtet sich an Patienten, die stationär, teilstationär und ambulant behandelt werden. Die Schuldenberatung ist in ein therapeutisches Gesamtbehandlungskonzept eingebettet. Unter der Leitung von Dr. Horst Lorenzen arbeiten die Mitarbeiter auf der Grundlage des sozialpsychiatrisch-soziotherapeutischen Ansatzes, dem biologisch-somatotherapeutischen und dem tiefenpsychologisch-psychotherapeutischen Behandlungsansatz.

„Wichtig ist uns, dass unsere Patienten in der Schuldenberatung eine Hilfe zur Selbsthilfe erhalten. Und zwar schnell – die maximale Wartezeit für eine Beratung beträgt 14 Tage. Jeder Patient soll nach seinen individuellen Möglichkeiten im Idealfall zu seiner Handlungsautonomie und Verantwortungsübernahme zurückfinden. Die große Zahl von Patienten, die nachstationäre Beratungstermine wünschen, gibt unserem Konzept recht“, erläutert Dr. Lorenzen.

Besonders anfällig für Überschuldung sind Patienten mit einer Abhängigkeitsproblematik, wie einer Alkoholerkrankung. Dabei sind Patienten mit stoffungebundenen Süchten, wie Kaufsucht oder Spielsucht, schwerer zu erreichen. Wichtig ist hier eine frühzeitige Intervention.

„Nach unserer Erfahrung ist die wirtschaftliche und soziale Existenzsicherung die Basis für eine erfolgreiche Behandlung von psychisch Kranken, die ihre längerfristige psychische Stabilität sichert. Unsere Patienten mit Verschuldungsproblematik werden häufig erst zugänglich für eine therapeutische Behandlung, nachdem sie in der Schuldenberatung ihre Schulden geordnet haben und eine Entschuldungsperspektive entwickelt wurde. Wir führen also im Rahmen der psychotherapeutischen Behandlung eine ökonomische Krisenintervention durch“, so Stefanie Schlüter.

Gemeinsam mit dem Patienten verschafft sich Stefanie Schlüter zunächst einen Überblick über den Schuldenumfang. Grundsätzlich ist das Ziel, ein außergerichtliches Vergleichsverfahren mit den Gläubigern auszuhandeln. Häufig erfolgt eine Notversorgung, z.B. im Fall von Kontopfändungen. Sobald eine gewisse Stabilisierung erreicht ist, werden Ratenvereinbarungen und Stundungsgesuche getroffen, Niederschlagungsgesuche bis hin zur vollständigen Entschuldung durchgeführt.

Jeweils im Anschluss an ein Beratungsgespräch tauscht sich Stefanie Schlüter mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialtherapeuten der Abteilung aus. Die Ergebnisse werden in die Mitarbeiterbesprechungen eingebracht, so dass die aktuelle Be- und Entlastung der Patienten zeitnah in der Behandlung berücksichtigt werden kann.

Das Beispiel der folgenden jungen Patientin, die in Eilbek behandelt wurde, soll den Umgang mit dem Thema Schulden illustrieren. Nach dem tragischen Tod ihres Kindes und dem anschließenden Verlust ihres Arbeitsplatzes wurde die junge Frau schwer depressiv und konnte ihre finanziellen Angelegenheiten nicht mehr aus eigener Kraft regeln. Die Familie unterstützte ihre Tochter mit Hilfsangeboten, diese konnten die junge Frau aber aufgrund ihres depressiven Rückzugs nicht erreichen. Die Familie war nach einiger Zeit am Rande der eigenen Belastbarkeit angekommen. Während ihres ersten stationären Aufenthalts auf der Station für Psychiatrie und Psychotherapie kam die Patientin nach einer Stabilisierungsphase regelmäßig zu Terminen mit Stefanie Schlüter. In Gesprächen mit den Gläubigern wurden Ratenzahlungen vereinbart und außergerichtliche Vergleiche. Je mehr sich die finanzielle Situation für die Patientin lichtete, desto leichter konnte sie selbst die Verantwortung für ihre Schulden übernehmen und im Kontakt mit ihren Gläubigern regeln. Durch das Herausnehmen des Themas Finanzen konnte auch die Familie wieder unbelasteter miteinander umgehen. Eltern und Tochter waren von der Verpflichtung und Sorge, sowie um „das Rechenschaft“ ablegen befreit. Nach einem Jahr war die Patientin schuldenfrei und fand eine neue Arbeitsstelle.

Quelle: Klinikum Eilbek - Schön Kliniken

Hwelt

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