Frühtest zur Diagnose von Legasthenie Drucken E-Mail
Freitag, 03 Februar 2012
München - Patientengruppen im Kleinkindalter sollen auf "Legasthenie" hin untersucht, dann gegebenenfalls behandelt werden. Ermöglicht das wirklich - wie behauptet - einen leichteren Start in das Schulleben? In den letzten Wochen ist eine aktuelle Meldung zum Thema Legasthenie dauerpräsent im Internet. Folgendermaßen lautet die Pressmitteilung vom 12. Januar 2012: „Das Fraunhofer- Institut für Zelltherapie und Immunologie und das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften entwickeln gemeinsam einen Frühtest zur Diagnose von Legasthenie. Ziel ist es, Legasthenie bereits im Kleinkindalter zu erkennen und dadurch früher und effektiver zu behandeln."


Das soll konkret geschehen:

Gemeinsam wollen die beiden Forschungsinstitute Patientengruppen mit modernen hirnphysiologischen und bildgebenden Verfahren (z. B. Elektroenzephalographie, Magnetresonanztomographie) auf Veränderungen untersuchen und genetische Risikovarianten anhand von Speichelproben identifizieren. Aus diesen Erkenntnissen soll ein breit einsetzbarer Frühtest entwickelt werden, der zukünftig potenziell gefährdete Kinder identifizieren soll.

Prof. Dr. Angela Friederici vom Max-Planck-Institut ist der Meinung, dass dieser Frühtest einen leichteren Start in das Schulleben und in das spätere Berufsleben ermöglichen wird.

Kritische Anmerkungen zu diesem Projekt:

Das klingt toll und nach schöner neuer Welt: Man untersucht die „Patientengruppe“ im Kleinkindalter, wählt die genetisch und neuronal prädestinierten „Legastheniker“ aus und behandelt sie. Bis zur Schule sind sie dann fit, um ohne Probleme lesen und schreiben zu lernen.

Aber:

Ein derartiger Test suggeriert, dass es sich bei LRS / Legasthenie um eine „Krankheit“ oder „Störung“ handelt, die ausschließlich an den biologischen Voraussetzungen des Kindes festzumachen ist.

Die Frühtestung könnte daher zu einer Stigmatisierung der betroffenen Kinder führen und damit letztlich auch einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung Vorschub leisten: Dieses Kind hat nicht die biologischen Voraussetzungen, um angemessen lesen und schreiben zu lernen, also wird ihm das von den Eltern, vom Erziehungspersonal etc. auch nicht zugetraut, das Kind wird frühzeitig entmutigt usw.

Ständig werden neue Kandidatengene entdeckt, die für eine "Legasthenie" verantwortlich seien. Das Gehirn ist keineswegs tiefgreifend erforscht. Die Beobachtung von Hirnaktivitäten ist zudem nur eine Momentaufnahme. Es ist Allgemeinwissen, dass sich Nervenzellen, Synapsen, ja ganze Hirnareale im Zusammenspiel mit bestimmten Anforderungen ständig verändern: Lernen verändert das Gehirn.

Eltern, die nun ihr Kleinkind frühzeitig testen lassen und mit der Diagnose „Legasthenie“ nach Hause gehen, werden verunsichert und letztlich doch alleingelassen. Das Schreckgespenst „Legasthenie und Schulerfolg“ macht sich schon in der Vorschulzeit breit.

Die Auswirkungen auf das Bildungssystem wären gravierend. Bereits heute werden viele Kinder, die einer willkürlich festgelegten Norm nicht entsprechen, als „gestört“ oder „krank“ diagnostiziert und außerschulischer Förderung überantwortet.

Dr. Britta Büchner, wissenschaftliche Leiterin von LegaKids:

"Es ist sicher sinnvoll, das Problemfeld „Legasthenie / LRS“ mit neuen Forschungsmethoden genauer zu durchleuchten. Ob die medizinisch orientierte Diagnostik – die im Übrigen keinerlei medizinische Therapie anbieten kann – wirklich Vorteile für die Betroffenen birgt, bleibt fraglich. Wichtiger wäre es, Bildungs- und Förderkonzepte zu entwickeln, die sich nicht nur auf vermeintliche oder tatsächliche "Defizite" der Kinder konzentrieren. Mehr und mehr Kinder werden inzwischen als "krank" oder "gestört", also als "unnormal", diagnostiziert. Da stimmt eher mit unserer Gesellschaft etwas nicht als mit den Kindern."

Quelle: Legakids

Hwelt

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