Biomarker für zielgerichtete Therapien Drucken E-Mail
Mittwoch, 30 November 2011
Seit einigen Jahren macht das Schlagwort von der personalisierten Medizin die Runde. Genetische, biochemische oder neurobiologische Kennzeichen – so genannte Biomarker – sollen differenziertere Diagnose und maßgeschneiderte Therapien auch bei seelischen Erkrankungen erlauben.


Die aktuelle Ausgabe des Magazins Gehirn&Geist (Heft 12/2011) erläutert, wie Mediziner nach Biomarkern bei psychiatrischen Erkrankungen suchen – vor allem bei Patienten mit Depression und Schizophrenie. So entwickelten beispielsweise Forscher um Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, einen Test, der die Stressantwort im Gehirn depressiver Patienten bestimmt. Sind die Werte des Corticotropin-Releasing Hormone (CRH) bei diesen dauerhaft erhöht, was nur für manche Betroffenen zutrifft, so sprechen diese anders auf Antidepressiva an als Leidensgenossen ohne hyperaktives Stresssystem.

Holsboer sieht hier ein großes Potenzial für die Zukunft: "Wir werden durch Gentests und Biomarker eine Art biochemische Momentaufnahme machen können. Dadurch können wir Untergruppen von Patienten definieren und Risikogruppen erkennen, bevor es zu klinisch relevanten Veränderungen kommt."

Auch der Mediziner Greg Siegle von der University of Pittsburgh (USA) fahndet nach Biomarkern, die den Erfolg von Therapien bei verschiedenen depressiven Patienten vorhersagen könnten. Eine kognitive Verhaltenstherapie zielt unter anderem darauf ab, die bewusste Kontrolle von Emotionen zu stärken – etwa indem Patienten lernen, weniger zu grübeln. Siegle und seine Kollegen konnten mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) nachvollziehen, dass depressive Patienten nach einer zwölfwöchigen Behandlungsphase ihre Gefühlsreaktionen bei einem speziellen Emotionstest besser kontrollierten als zuvor. Das ließ sich etwa an Aktivitätsmustern des zingulären Kortex ablesen, der für die Gefühlsregulierung im Gehirn wichtig ist. Laut Siegle und seinen Kollegen helfe eine Verhaltenstherapie eben jenen Patienten am meisten, denen es zuvor an der Fähigkeit mangelte, ihre Emotionen ausreichend im Zaum zu halten.

Ein weitere wichtiger Ansatzpunkt der Forschung sind genomweite Assoziationsstudien. So entdeckte Mara Arranz vom King’s College in London gemeinsam mit Janet Munro vor wenigen Jahren, dass eine Variante des Gens 5-HTT, welches den Bauplan für einen Serotonin-Transporter in der Membran von Nervenzellen enthalt, die Empfänglichkeit für Neuroleptika erhöht. Der praktische Nutzwert solcher Erkenntnisse für die Behandlung von Schizophrenie ist bislang freilich gering, vor allem weil die identifizierten Gene oft eine Reihe von Störungen beeinflussen. Bis Details über die zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen eruiert sind, dürfte es noch lange dauern.

Quelle: Gehirn&Geist

Hwelt

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