Inklusion heißt sozialräumlich zu denken Drucken E-Mail
Freitag, 30 September 2011
In welchem Verhältnis stehen Sozialraum und Inklusion? Dieser Frage widmet die im Jahre 2009 vom Institut für berufliche Aus- und Fortbildung (IBAF gGmbH) in Rendsburg und der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Neumünster gegründete Europäische Akademie für Inklusion eine zweijährige Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Sozialraum und Inklusion“.


Prof. Dr. Markowetz von der Katholischen Fachhochschule Freiburg grenzte „Inklusion “ von „Integration“ ab, die nichts anderes sei als „eine Vorstufe“, da Inklusion „weit darüber hinaus“ gehe und „radikal fordere, dass Behinderung als normale Spielart menschlichen Seins in allen gesellschaftlichen Bereichen akzeptiert und entsprechend in allen administrativen Planungen regelhaft einbezogen werden muss“.

Der Vortrag zum Ansatz des Sozialraums von Peter Petersen, Referent für Soziales des Diakonischen Werks Schleswig-Holstein, orientierte sich an der Leichten Sprache, wodurch das komplexe wissenschaftliche Konzept, unter großer Zustimmung des Auditoriums, in eine für alle verständliche Sprache übersetzt werden konnte.

Das Ziel der Europäischen Akademie für Inklusion ist es, durch den Diskurs zur „Inklusion“ nicht wiederum die Betroffenen auszuschließen, sondern sie aktiv an der Gestaltung der Reihe zu beteiligen, indem Praxisbeispiele vorgestellt werden und Menschen mit Behinderungen und andere vom gesellschaftlichen Ausschluss bedrohte Menschen von ihren Erfahrungen berichten.

Als Vertreterin der Initiative „Kropp für alle“ schilderte Pastorin Claudia Zabel die Stolpersteine auf dem Weg, die Ortschaft Kropp in einen Sozialraum für alle zu verwandeln, da sich der Inklusionsgedanke nicht darin erschöpfe, Bürgersteige für Rollstuhlfahrer abzusenken. Gehe es darum, gemeinsam und gleichberechtigt zu leben, gebe es viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen, die nun Stück für Stück durch die Initiative abgebaut werden sollen.

Um das Sozialraumkonzept an Greifbarkeit gewinnen zu lassen, stellten die „Veddeler Kiezläufer“ aus Hamburg ihr Projekt vor, das von Ayhan Altun initiiert wurde, der in Hamburg im so genannten „Problem“-Stadtteil Veddel lebt. Das Projekt wurde mit dem Bürgerpreis der Stadt Hamburg ausgezeichnet sowie in andere deutsche Städte als Erfolgskonzept übertragen. Die Kiezläufer sind junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Sie sind im Stadtteil präsent und lösen in der „Funktion des älteren Bruders“ Konflikte, die durch jugendliche Drogenkonsumenten ausgelöst werden und den Bewohnern in der Vergangenheit das Gefühl gaben, im Stadtteil nicht mehr sicher zu sein. Die Kiezläufer arbeiten eng mit Ausbildungsbetrieben zusammen, um den Jugendlichen berufliche Perspektiven zu bieten und erzielen beachtliche Erfolge in der Beruhigung des Stadtteils.

Der erste Workshop am 31. Mai 2011 mit 50 Teilnehmern in Neumünster, stand unter dem Motto „Praxis trifft Inklusion“ nach dem gleichnamigen Titel des Vortrages von Prof. Dr. Ingmar Steinhart. In der Veranstaltung ging es um die Frage, wie die Einrichtungen der professionellen Behindertenhilfe mit dem Konzept der Inklusion umgehen und um den damit verbundenen notwendigen Paradigmenwechsel in der professionellen Behindertenhilfe. Außerdem wurde gefragt: Was kommt nach der Auflösung von Sonderwelten? Und: Wie werden Menschen mit Behinderungen in Zukunft wohnen?

Laut Prof. Dr. Steinhart vom Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern und Geschäftsführer der v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel bezeichnen die Wortlaute „Verehrung der Vielfalt“ und „Aufhebung der Besonderung“ besser das angestrebte Ziel, als der oft als sperrig wahrgenommene Begriff der Inklusion. Er beschrieb zahlreiche administrative, politische und mentale Veränderungen, die als Grundlage der Inklusion notwendig seien und betonte, dass die Einrichtungen der professionellen Behindertenhilfe noch sehr weit von diesem Ziel entfernt seien.

Gelebte Inklusion präsentierten die Azubildenden des Nueva-Evaluierungsprojektes der Lebenshilfe Berlin, Herr Marx und Herr Schaffrath, zwei junge Männer, die am deutschen Pilotprojekt des aus Österreich stammenden Evaluierungsprogrammes von Menschen mit Behinderungen für Menschen mit Behinderungen teilnehmen. „Nueva“ steht für „Nutzerinnen und Nutzer evaluieren“. Im Rahmen des Ausbildungsprojektes lernen die 14 Teilnehmer mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen, wie sie in Interviews Wohnheimbewohner und Bewohner anderer Wohnformen wie WGs des betreuten Wohnens nach ihren Lebensbedingungen wie Selbstbestimmtheit und gewährter Intimsphäre befragen.

Außerdem stellten die Mitglieder der Brücke Neumünster und der Brücke Schleswig-Holstein, darunter viele Menschen mit psychischen Erkrankungen, sowie das Hamburger Projekt „Leben mit Behinderung Hamburg“ ihre sozialräumlich orientierte Arbeit vor.

Der nächste Workshop mit dem Titel „Vom Sorgenkind zum Bürger – Menschen mit Behinderungen planen ihr Leben“ zum Thema der Persönlichen Zukunftsplanung findet am 27. Oktober 2011 im Hohen Arsenal in Rendsburg statt. Die Veranstaltungsreihe endet im September 2012 mit einem Fachtag im Hohen Arsenal in Rendsburg, zu dem der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen von Schleswig-Holstein, Dr. Ulrich Hase, ein Grußwort sprechen wird. Weitere Information zu Fragen der Inklusion, eine umfangreiche Linkliste, die weiteren Termine der Reihe „Sozialraum und Inklusion“ sowie die Vorträge der vergangenen Veranstaltungen finden Sie unter: www.inklusion-sh.eu .

Autorin: Diane Mönch, Europäische Akademie für Inklusion

Hwelt

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