Ethische Grenzen der Adipositas-Prävention Drucken E-Mail
Samstag, 26 Januar 2008
Drängende Probleme erfordern drastische Lösungen. Nach diesem Motto werden derzeit von Politikern höhere Kassenbeiträge für Übergewichtige oder Sondersteuern auf ungesunde Nahrungsmittel gefordert. Beides stößt bei Medizinethikern auf Bedenken. Statt die Freiheit einzelner Menschen einzuschränken, sollte die Eigenverantwortung gefördert werden, argumentiert ein Theologe in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008)


Als Mitglied einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nachwuchsforschergruppe beschäftigt sich der Diplom-Theologe Jens Ried von der Universität Marburg mit den ethischen Fragen der Adipositas-Prävention: Was lässt sich moralisch rechtfertigen, um das Übergewicht beim Einzelnen zu verhindern und die Gesamtzahl der Adipösen zu senken? Eine einfache "Patentlösung" kann es für Ried nicht geben. Übergewicht sei eine komplexe Störung, bei der neben Ernährungsfehlern auch Gene eine wichtige Rolle spielen. Etwa 50 Prozent der Unterschiede im Körpergewicht zwischen einzelnen Menschen sind erblich bedingt, sagt Ried. Eine Trennung zwischen Verantwortung und Veranlagung sei beim einzelnen Menschen nicht möglich.

Dennoch sieht der Medizinethiker Gestaltungsmöglichkeiten für eine moralisch vertretbare und vielleicht auch wirksame Prävention. Das Leitprinzip muss für Ried dabei die Befähigung zu einer eigenverantwortlichen Lebensweise sein ("Capability Approach"). Da heute vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen und geringer Bildung zum Übergewicht neigen, bieten sich für Ried vermehrte Anstrengungen im Bildungsbereich an. Auch eine deutliche Kennzeichnung von Nahrungsmitteln hält er für sinnvoll. Eingriffe in die Freiheitsräume der Menschen oder Sondersteuern für fette und zuckerhaltige Nahrungsmittel seien dagegen ethisch und juristisch nur schwer zu rechtfertigen, findet Ried. Besser sei es, den Menschen Gelegenheiten zur Änderung des Ernährungsverhaltens zu geben, etwa durch zusätzliche gesündere Mahlzeiten in Kantine oder Mensa. Eine Ausnahme würde Ried bei Kindern und Jugendlichen machen. Hier seien restriktivere Schritte ethisch vertretbar. Ried spricht sich etwa für die Beschränkung bei der Werbung aus wie es sie bei Tabakwaren und Alkohol bereits gibt. Wirksam könnten auch bessere Ernährungs- und Bewegungsangeboten in den Kindertagesstätten und Schulen sein.

 

Quelle: Thieme. Alle Rechte vorbehalten.

Hwelt

 

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