|
„Liebe – Nähe – Sexualität bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen“ – so lautet das Thema des Jahres 2010 der Stiftung Leben pur. Erster Höhepunkt war Anfang März eine interdisziplinäre Fachtagung. Mehr als 450 Besucher – Eltern, Betreuer, Experten und nicht zuletzt Betroffene selbst – beschäftigten sich zwei Tage mit den zahlreichen und ganz unterschiedlichen Facetten dieses sensiblen Themas.
Christine Kopp, Vorstandsvorsitzende der Stiftung, ist überzeugt, dass die Vorträge und Workshops ebenso wie die vielen Gespräche am Rande der Tagung einen Nachhall im Alltag der Familien und Einrichtungen haben und schrittweise eine Veränderung einläuten werden. „Die vielen Fragen an die Referenten und die regen Diskussionen in den Pausen haben gezeigt, wie sehr dieser Themenkomplex vielen Betreuern am Herzen liegt und wie sehr sie auf der Suche sind nach gangbaren Wegen – für sie als Betreuer und vor allem für die Menschen, die sie betreuen.“
Allerdings wurde auch deutlich, dass es nicht nur darum gehen kann, individuelle Lösungen für jeden Einzelnen zu finden. Vielmehr braucht jede Einrichtung ein sexualpädagogisches Konzept und darauf basierende Leitlinien: Sie geben Orientierung im Umgang mit Sexualität innerhalb des Arbeitsfeldes und bilden eine Grundlage für das tägliche Handeln.
„ Es gibt keine Behinderten-Sexualität, sondern nur ver-hinderte Sexualität“
Das Beispiel der Spastikerhilfe Berlin eG, die bereits 1992 damit begonnen hat, ein solches Konzept zu erstellen, belegt, welche Chancen aus dieser Vorgehensweise erwachsen: Transparenz, Offenheit und gegenseitiges Vertrauen. Die Menschen mit Behinderung werden nicht länger als geschlechtsneutrale Wesen wahrgenommen, sondern als Jugendliche bzw. Frauen und Männer mit einer sexuellen Identität und Bedürfnissen nach Nähe und Zärtlichkeit, nach Erotik und sexueller Befriedigung. Wie sehr dies den Alltag im Berliner Wohnheim verändert hat, belegte der Vortrag eines Bewohners auf der Tagung. „Ich weiß, dass ich großes Glück hatte, dort einzuziehen“, und weiter betonte er, dass es nicht die Regel sei, dass ein Mensch mit einer so schweren Behinderung wie der seinen, seine Sexualität leben könne.
„Haut vergisst keine Berührung“
Rund zwei Drittel aller Frauen mit Behinderungen haben sexuelle Übergriffe und rund ein Viertel bereits eine oder sogar mehrere Vergewaltigungen erlebt. Viele von ihnen glauben sogar, Sexualität und Gewalt bzw. Schmerzen gehören zusammen, denn sie haben nie etwas anderes gehört oder erlebt. Und viele junge Männer mit einer geistigen Behinderung sind „begehrte Schnäppchen“ auf dem Schwulenstrich, sie sind günstig und verzichten auf den Schutz von Kondomen, weil sie nichts über HIV–Infektionen wissen.
Diese Zahlen haben die Teilnehmer der Tagung tief erschüttet. Und sie führten allen nochmals deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, Strukturen zu verändern und einen Rahmen zu schaffen, in dem Aufklärung stattfindet und Sexualität thematisiert wird. Und die verbindliche Regeln vorgeben, wie bei Verdachtsfällen vorzugehen ist. Auch hier leisten Konzepte zu „Sexualität und Behinderung“ einen unverzichtbaren Beitrag. Letztendlich kommt es aber auf die Betreuer an: Viele Betroffene kommunizieren wegen der Schwere ihrer Behinderung non-verbal mit Gesten und Mimik oder über ihr Verhalten. Hier ist besondere Sensibilität notwendig, damit Zeichen und psychosomatischen Reaktionen, die auf sexuellen Missbrauch hinweisen, nicht übersehen oder falsch interpretiert werden.
Quelle: Stiftung Leben pur
Hwelt
|