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Geistig Behinderte gibt es eigentlich gar nicht. Sie werden von der Gesellschaft durch die Beigabe "geistig behindert" erst gemacht - und aus ihr hinausgeworfen. Dafür sorgt unsere effiziente (Schul-)Bürokratie. Aus einem Beitrag der Tageszeitung TAZ vom 21.11.2007
Magdalena Federlin ist Mutter dreier Söhne und wurde 1989 von der Humanistischen Union mit dem "Aufrechten Gang" ausgezeichnet. Den Kampf für eine vollständige, gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung setzt Frau Federlin nun fort. Grund dafür ist ihr jüngster Sohn Ferdinand, der das Down-Syndrom hat. Die Schulbehörden der örtlichen Regelschule verwehren dem Sohn seit über 5 Jahren die Teilnahme am gemeinsamen Unterricht.
Das Gehirn ist fest mit der Würde und Persönlichkeit verbunden. Es ist das Organ in dem das Bewusstsein über uns selbst entsteht. Einen Menschen als "gehbehindert" zu bezeichnen, stellt diesen Menschen in seiner Ganzheit und Würde nicht in Frage. Die Bezeichnung "geistig behindert" aber schon. "Geistig behindert". Das ist ein Begriff, der vielleicht besser klingt als der früher verwendete Begriff "schwachsinnig". Aber er bleibt zutiefst demütigend. Deshalb ist er als Schimpfwort landauf, landab gebräuchlich.
Nichts hat unserem Sohn in seiner bisherigen Entwicklung so sehr geschadet wie die unkritische gesellschaftliche Zuordnung des Attributs "geistig behindert" und dessen bürokratische Umsetzung. Und das nur, weil er ein paar Chromosomen mehr hat, die ihn in jedem Fall zu einem liebenswerten und interessanten Menschen machen. Sein Beitrag in der Gemeinschaft ist nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, er ist eher Künstler, Therapeut oder so was.
Der damit verbundene staatliche Zwang, eine Sonderschule zu besuchen, wirkt neben der mangelnden kognitiven Förderung wie eine Schleuder raus aus der sozialen Gemeinschaft hinein in eine getrennte Welt der Menschen mit Behinderungen. Systematische Interaktion zwischen Kindern mit und ohne Behinderungen wird so systematisch unterbunden - die nächste Generation lernt wieder nur aussonderndes Verhalten. Auch dieser Vorgang ist eine Form von Bildung. Aber ist es auch eine wünschenswerte? Was nützen unsere Augen, wenn wir blind an erwiesenermaßen schlechten Schulstrukturen festhalten?
Es lässt sich bis heute wissenschaftlich nicht nachweisen, dass die Gehirne von Menschen mit genetischen Syndromen geschädigt und daher nicht zu Lernprozessen in der Lage wären, zitiert die taz die Humangenetikerin Sabine Stengel-Rutkowsk. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Deren Gehirne verfügen über bessere Leistungen und jede Menge Lernpotenzial. Der Hirnforscher Gerald Hüther begründet das in der taz damit, dass das Gehirn dazu gezwungen ist, etwa das fehlende Sehvermögen durch das Aktivieren anderer Hirnregionen zu ersetzen.
Durch äußere Faktoren wird das Lernpotenzial eines Hirns günstig oder ungünstig beeinflusst. Eine Aufnahme in der Sonderschule würde es wohl eher ungünstig beeinflussen. Gerade diese Zeit ist laut Hirnforschung extrem wichtig für das Lernen. Studien können dies belegen.
Was nützen unsere Ohren, wenn wir die Stimme der Verantwortung nicht hören? Was nützen unsere Beine, wenn wir uns nicht auf den Weg machen? Was nützt uns unser Gehirn, wenn wir es in den Dienst der Unmenschlichkeit stellen? Wir haben das Glück, durch die Bereicherung dieses Menschen stets wachsam und kritisch darauf zu achten, unser nicht (mehr) behindertes lern- und entwicklungsfähiges Denkorgan in den Dienst einer tiefen humanistischen und ethisch lebenswerten Entwicklung zu stellen. Unser Kind Ferdinand ist darin der beste Lehrer.
MAGDALENA FEDERLIN Quelle: taz.de © Hwelt
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