Rita Süssmuth plädiert für eine menschlichere Medizin Drucken E-Mail
Sonntag, 18 November 2007
Bad Honnef (KNA) Entfernen der Magensonde bei Sterbenskranken? Ästhetische Chirurgie? Vorgeburtliche Diagnostik und Schwangerschaftsabbruch? Der medizinische Fortschritt ermöglicht Eingriffe am Menschen, die in der Gesellschaft höchst umstritten sind. Medizinisch Machbares, finanziell Leistbares und menschlich Vertretbares klaffen angesichts von technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Druck im Gesundheitswesen immer weiter auseinander.


Schwierige Entscheidungen müssen getroffen werden: Immer häufiger werden deshalb Ethikkommissionen in deutschen Krankenhäusern eingerichtet, wie eine am Freitag in Bad Honnef begonnene Fachtagung der Malteser Träger Gesellschaft (MTG) ergab. Die kirchlichen Krankenhäuser seien Vorreiter dieser Entwicklung, betonte der Aachener Medizinwissenschaftler Arnd T. May. Mittlerweile hätten mehr als 200 der rund 2.100 Krankenhäuser in Deutschland Formen der klinischen Ethikberatung entwickelt, zusätzlich auch 23 der 36 Universitätskliniken. Derzeit etabliert sich die Ethikberatung sogar in Alten- und Pflegeheime, wie der geschäftsführende Vorsitzende der MTG, Karl Ferdinand von Thurn und Taxis, mit Blick auf die mehr als 20 Einrichtungen der Malteser-Altenhilfe mitteilte.

Freie Fahrt also für die Ethik? Die Tagung machte deutlich, dass ein ernsthafter Umgang mit den Grenzfragen der Medizin durchaus der Profilschärfung eines Krankenhauses und einer menschlicheren Medizin dienen kann. Andererseits können Ethikkommissionen aber auch zum Feigenblatt in einem ansonsten immer stärker nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichteten Medizinbetrieb werden, wie der Organisationspsychologe Heribert Gärtner von der Katholischen Fachhochschule Köln zu bedenken gab.

Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth jedenfalls räumte bei der Tagung ein, dass sie den Zuwachs an Ethikkommissionen mit Unbehagen sieht. "Das heißt doch, dass man wichtige Güterabwägungen an Experten delegiert und aus der Mitte der Gesellschaft herausnimmt", gab sie zu bedenken. Ebenso wie der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio plädierte die CDU-Politikerin für ein grundlegendes Umdenken in der Medizin. Dort gebe es ein erhebliches Defizit an Ethos und Wertschätzung von menschlichen Beziehungen. Maio kritisierte sogar, dass sich viele Krankenhäuser zu "Reparaturfabriken ohne Seele" entwickelt hätten.

Süssmuth sprach sich für eine Aufwertung der sogenannten sprechenden Medizin aus. Ärzte dürften nicht dafür bestraft werden, wenn sie Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten erübrigten. Auch die Ausbildung von Medizinern und pflegenden Berufen müsse so verändert werden, dass Mitarbeiter in Krankenhäusern und Heimen für Alte und Behinderte auf die existenziellen seelischen und psychischen Konflikten der Patienten besser eingehen könnten. In diesem Zusammenhang forderte die frühere Bundesgesundheitsministerin auch eine Aufnahme der Palliativmedizin in die Regelausbildung der Medizinstudenten.

 

Quelle/Autor: KNA/Christoph Arens. Alle Rechte Vorbehalten

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