Magersucht liegt in den Genen Drucken E-Mail
Donnerstag, 30 Oktober 2008
Forscher entdecken die biologischen Wurzeln der Anorexie: Neben den Erbanlagen steht auch eine seltsame Fehlfunktion des Gehirns unter Verdacht, Hunger mit Lustgefühlen zu verknüpfen


Zwillingsstudien zeigen: Magersucht (Anorexie) ist zu einem großen Teil erblich bedingt. Wie die Gene das Entstehen der Essstörung beeinflussen, beschreibt die Molekularbiologin Trisha Gura in der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist (11/2008). Demnach geht Magersucht mit Störungen in den Belohnungsschaltkreisen des Gehirns einher. Folge: Die Betroffenen sind zwar unfähig, Essen zu genießen, erleben aber Hunger wie einen Rausch.

Das so genannte CART-Peptid unterdrückt das Verlangen nach Nahrung und könnte zwischen der Aktivierung des Belohnungssystems und mangelndem Appetit vermitteln. Tritt beides gleichzeitig auf, assoziieren manche Menschen dann Mangelernährung mit Lust – »sie werden süchtig nach Hunger«, so die französische Neurobiologin Valérie Compan vom Nationalen Forschungszentrum in Montpellier. Durch Analysen der DNA von 1167 Anorektikern gelang es einem Team um Walter Kaye, Direktor der Klinik für Essstörungen an der University of California in San Diego, den Sitz der Anorexie-Gene auf einen bestimmten Abschnitt von Chromosom 1 einzugrenzen. Die Erbinformation wird offenbar während der Pubertät aktiviert – wahrscheinlich durch Sexualhormone und Mangelernährung.

»Lange Zeit wurden nur die Medien und Familien verantwortlich gemacht, doch Essstörungen sind körperliche Erkrankungen«, betont Psychiater Kaye. Er und eine Reihe weiterer Forscher hoffen nun, biologisch fundierte Therapieverfahren entwickeln zu können. Valérie Compan setzt dabei auf die Wirkung des Hirnbotenstoffs Serotonin: In Tierversuchen testet sie derzeit ein Präparat, das einen bestimmten Rezeptortyp an den Nervenzellen blockiert, der auf Serotonin anspricht. Auf diese Weise sollen das neuronale Belohnungszentrum und damit der Appetit angeregt werden.

Rund jede 200. Frau erkrankt im Lauf ihres Lebens mindestens einmal an Anorexie; bei den Männern beträgt die Rate nur ein Zehntel davon. Als magersüchtig gilt, wer sich auf weniger als 85 Prozent des Idealgewichts (BMI < 17,5) hungert. Einer von zehn Betroffenen stirbt an den körperlichen Folgen der Erkrankung oder nimmt sich das Leben.

Quelle: Gehirn&Geist, November 2008

Hwelt

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