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Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV), die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und die Bundesärztekammer haben in dieser Woche den Startschuss für eine Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen gegeben. Was diese Charta erreichen will und bis wann erste Ergebnisse vorgelegt werden sollen, erläuterte die DHPV-Vorsitzende Birgit Weihrauch am Freitag in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Düsseldorf.
KNA: Frau Weihrauch, warum haben Sie die Charta zum jetzigen Zeitpunkt auf den Weg gebracht?
Weihrauch: Wir stehen in mehrfacher Weise an einem Wendepunkt. In den vergangenen 25 Jahren gab es nach Jahrzehnten der Sprachlosigkeit im Bereich von Hospizarbeit und Palliativmedizin eine dynamische Entwicklung: Wir haben mittlerweile bundesweit rund 80.000 ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich in der Hospizbewegung engagieren. Es gibt rund 1.450 ambulante Hospizdienste, mehr als 160 stationäre Hospize und ebenfalls mehr als 160 Palliativstationen. Und doch bleibt noch viel zu tun, damit alle Menschen, die sterbenskrank sind, eine angemessene palliativmedizinische Betreuung und eine intensive menschliche Begleitung erhalten.
KNA: Immerhin hat die Bundesregierung gerade im Rahmen der Gesundheitsreform beschlossen, den Aufbau einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung zu ermöglichen, damit sterbende und schwerstkranke Patienten auch in schweren Fällen zu Hause behandelt werden können...
Weihrauch: Dies ist eine große Chance für den Ausbau der ambulanten Versorgung und die Möglichkeit, dass mehr Menschen als bisher zu Hause sterben können. Auch da müssen aber Weichen gestellt und Versorgungsstrukturen aufgebaut werden. Die Frage ist beispielsweise, wie in städtischen und ländlichen Regionen eine gleichwertige Versorgung ermöglicht wird, ob es genügend Hilfen für Kinder oder alte Menschen, insbesondere auch in Pflegeeinrichtungen gibt, wie wir erreichen, dass wirklich alle im Einzelfall erforderlichen Berufsgruppen und vor allem auch die ambulanten Hospizdienste in die Versorgung eingebunden sind, damit den Bedürfnissen der Betroffenen tatsächlich Rechnung getragen wird.
KNA: Haben Ihre Bemühungen um eine Charta auch mit der derzeitigen Debatte um aktive Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung zu tun?
Weihrauch: Natürlich spielen auch die in den vergangenen Monaten öffentlich geführten Diskussionen über die Aktivitäten des früheren Senators Kusch oder der Sterbehilfeorganisation Dignitas und die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden und Belgien eine Rolle. Wir müssen aktiver als bisher deutlich machen, dass sterbenskranke Menschen in unserer Gesellschaft nicht allein gelassen werden, sondern dass es Möglichkeiten der Begleitung und der Schmerzbehandlung gibt. Und wir müssen diese auch für alle, die eine solche Hilfe benötigen, verfügbar machen. Kurz: Deutlich machen, dass ein Sterben in Würde möglich ist. Das muss unser Ansatz sein, und dafür müssen wir uns einsetzen.
KNA: Was kann eine solche Charta außer schönen Worten denn bewirken?
Weihrauch: Es geht darum, dass sich alle Beteiligten, die in unserer Gesellschaft und im Gesundheitswesen Verantwortung tragen, auf gemeinsame Ziele für notwendige Weiterentwicklungen in der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen und auf gemeinsames Handeln verständigen. Und dass sie dies am Ende des Prozesses im Sinne der Selbstverpflichtung auch umsetzen.
KNA: Worum geht es konkret?
Weihrauch: Etwa um die Aus- und Weiterbildung der Ärzte. Da ist die Frage der Palliativmedizin als Pflichtfach sehr bedeutsam. Wie müssen wir uns in der Ausbildung der Pflegekräfte auf die wachsende Zahl pflegebedürftiger Menschen einstellen? Die Frage des Qualitätsmanagements und der Zertifizierung werden zukünftig eine größere Rolle spielen. Wir brauchen mehr Forschung, zum Beispiel in der Schmerzmedizin, aber auch beim Umgang mit Demenzkranken in dieser letzten Lebensphase. Und nicht zuletzt die Frage: Wie gelingt es uns, zukünftig auch das ehrenamtliche Engagement zu erhalten und weiter auszubauen?
KNA: Gerade die Kirchen haben mehrfach die Sorge geäußert, dass es in diesem Bereich zu einer Professionalisierung kommt und der Umgang mit Sterbenden wieder an wenige Experten abgeschoben wird. Sehen Sie das ähnlich?
Weihrauch: Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband engagiert sich sehr dafür, dass Hospizarbeit und Palliativmedizin auch zukünftig als ein integrativer ganzheitlicher Ansatz verstanden und weiterentwickelt werden. Wir brauchen einerseits einen hohen Grad an Professionalisierung. Denn Schwerstkranke richtig zu pflegen und Schmerzen und andere Symptome wirksam zu behandeln, verlangt viel Wissen und Können. Andererseits müssen wir alles tun, dass die Hospizbewegung als eine Bürgerbewegung erhalten bleibt und Zuwendung und menschliche Nähe bei der Begleitung schwerstkranker Menschen auch zukünftig einen hohen Stellenwert haben. Die Gesellschaft insgesamt muss lernen, das Thema Sterben wieder als Teil unseres Lebens zu begreifen. Krankenhäuser, Pflegeheime, Kirchengemeinden und Familien müssen ihrerseits das Tabuthema aufbrechen. Deshalb ist es wichtig, dass die Professionellen und die Ehrenamtlichen nicht auseinanderdividiert werden, sondern sich ergänzen.
KNA: Wie wollen Sie weiter vorgehen?
Weihrauch: Wir wollen zunächst die Ergebnisse der Auftaktveranstaltung auswerten. Ich gehe davon aus, dass wir als Initiatoren danach zügig auf die an diesem Prozess Beteiligten zugehen und Arbeitsgruppen zu den zentralen Themen einrichten. Wir hoffen, dass sich möglichst viele gesellschaftliche Gruppen beteiligen. Vorgesehen ist außerdem die Einrichtung einer Steuerungsgruppe und eines Runden Tisches, an dem die Zwischenergebnisse diskutiert werden. Beabsichtigt ist, bis Anfang 2010 erste Ergebnisse vorzulegen.
KNA: Haben Sie keine Angst, dass Sie mit diesem Prozess der Politik in die Parade fahren?
Weihrauch: Natürlich binden wir die zuständigen Ministerien von Bund und Ländern mit ein. Ich denke, dass es für die Politik wichtig und hilfreich ist, dass sie von uns Informationen und Entscheidungsgrundlagen zu diesem schwierigen Feld bekommt. Ich bin selbst auf diesen vor uns liegenden Prozess sehr gespannt und weiß, dass wir uns viel vorgenommen haben.
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