Wer ist „normal“, wer ist „behindert“? Drucken E-Mail
Freitag, 12 Oktober 2007

Wir haben uns, in dem Einführungsseminar zu Normalität und Abweichung der Frage genähert, was normal ist und was abweichend. Wir haben festgestellt, dass Normalität und Abweichung Begriffe sind, die durch eine Gesellschaft und die Menschen die in ihr leben geprägt sind. Eine Gesellschaft definiert also für sich, was normal und was abweichen ist.

Differenzlinien ziehen die jeweiligen Grenzen von definierten Gegensatzpaaren, so wie: weiblich und männlich, arm und reich, gesund und krank und auch „normal“ und „behindert“. Ich widme mich in dieser theoretischen Auseinandersetzung der Norm(-alität) nicht behindert zu sein und der Abweichung dazu, der Behinderung.


Selbst in unserer heutigen, pluralisierten Gesellschaft, ist Behinderung oder ein Mensch mit Behinderung nicht unbedingt ein integrierter Teil einer Gesellschaft, die voller Vielfalt ist. Behinderung ist nach wie vor, ein von der Normalität abweichender Tatbestand. Wir haben hier weiterhin ein lineares Denken, das auf der einen Seite die Gesunden sieht und auf der anderen, die Menschen mit einer Behinderung. Ein Mensch mit Behinderung wird nach der WHO in die drei Faktoren Schädigung, Behinderung und Benachteiligung eingeteilt. Die Behinderung wird in einem solchen Schema klassifiziert und der Mensch degradiert. So kann die Behinderung eingeteilt und behandelt werden. Die Behinderung wird so zu einem behandelbaren Objekt.

Was kann nun getan werden und welche Sichtweise wird benötigt, um einen Menschen mit seiner Behinderung, der eine Abweichung darstellt, wie so viele Abweichungen in einer Gesellschaft als reines Objekt zu sehen, sondern ihn als Mensch, mit seiner Behinderung, in seiner Lebenswirklichkeit wahrzunehmen?

Dazu muss gesagt werden, dass eine Behinderung, so wie jede Bezeichnung einer Abweichung, ein Produkt einer Beobachtung und Unterscheidung ist. Es gibt scheinbar, wenn man die Gesellschaft an sich betrachtet, Menschen die behindert sind und Menschen die nicht behindert sind. Doch was genau behindert ist, wann eine Behinderung anfängt und wo sie aufhört ist Definitionssache derjenigen, die sie betrachten (vgl. S. Osbahr, 2002, S. 79f).

Man muss also die Unterscheidung wagen, dass ich oder wir von außen, meinen zu erkennen, dass jemand behindert ist, weil er sich abweichend verhält. Wir müssen aber erkennen, das dies eine Erklärung für das von uns, von außen beobachtete Verhalten dieses Menschen ist, die wir anhand von gewissen Leitdifferenzen gemacht haben (vgl. S. Osbahr, 2000, S.81).

Wir sagen also: „ Dieser Mensch ist behindert“, müssen aber wissen, dass dies in keinem Falle etwas über den Menschen an sich aussagt, sondern nur eines unserer vielen Unterscheidungskriterien ist. Wir beschreiben somit auch nicht sein Sein an sich, den dies ist in dem Begriff, den wir für ihn verwenden nicht mit drin. Es ist eine Konstruktion, die uns hilft den Menschen in unserer Wahrnehmung einzuordnen und eine Erklärung für sein, für uns „abweichendes“ Verhalten zu finden. Behinderung ist also nicht `an sich` vorhanden, sondern Begriff des- und derjenigen, die sie im Vergleich zur geltenden „Normalität“ beobachten und für sich definieren (vgl. S. Osbahr, 2002, S.85).

In dem Falle der Behinderung, wie auch in anderen ist also wichtig zu erkennen, dass in diesem Prozess des Definierens und Erklärens eines abweichenden Verhaltens , auch eine große Verantwortung „begraben“ liegt, da sich nämlich aus einer getroffenen Erklärung auch meist ein Handeln ableitet, das versucht das Phänomen der Abweichung zu beeinflussen (vgl. S. Osbahr, 2000, S.81) und das auch, dass Verhalten der Menschen auf der einen Seite der Differenzlinie, in dem Fall der nicht-behinderten, gegenüber denen auf der anderen Seite, hier den Menschen mit einer Behinderung, bestimmt. Das heißt, dass eine für eine Gesellschaft gültige Sichtweise eines Wirklichkeitsbereiches, auch das Leben und die Möglichkeiten der Menschen, die unter dieser Sichtweise definiert sind, maßgeblich bestimmt. Diese gültige Sichtweise legt auch fest, in wie weit der Mensch mit einer „Abweichung“ akzeptiert und anerkannt wird und wo er vielleicht nicht mehr als Mensch mit einer Persönlichkeit in einer eigenen Lebenswirklichkeit gesehen wird, sondern auf sein abweichendes Verhalten, oder abweichendes Äußeres etc. degradiert wird (vgl. S. Osbahr, 2002, S. 85 f).

Quellenangabe:

  • Selbstbestimmtes Leben von Menschen mit einer geistigen Behinderung: Beitrag zu einer systemtheoretisch-konstruktivistischen Sonderpädagogik, Stefan Osbahr 2002, Edition SZH/CSPS
 
Autor: Linda Yantis. Alle Rechte Vorbehalten 
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